25.8.2026
Als Generalsekretärin des Bundesverbands Deutscher Stiftungen gehört Friederike von Bünau zu den prägenden Stimmen des Stiftungssektors. Anlässlich des 30‑jährigen Jubiläums der Aventis Foundation und der Jubiläumsförderung des Städel KI Festivals „Imagining Futures in Noisy Times“ haben wir mit ihr darüber gesprochen, wie Stiftungen im Zeitalter von KI, Digitalisierung und gesellschaftlicher Polarisierung Verantwortung übernehmen können – und welche Rolle Kulturorte dabei spielen.
Frau von Bünau, wenn Sie auf die nächsten fünf bis zehn Jahre blicken: Vor welchen wichtigen Herausforderungen stehen Stiftungen in Deutschland – etwa mit Blick auf gesellschaftliche Spannungen, knapper werdende Mittel und den tiefgreifenden Wandel durch Digitalisierung und neue Technologien?
Die größte Herausforderung wird sein, auch in Zeiten tiefgreifender Veränderungen handlungsfähig und wirksam zu bleiben. Wir erleben gesellschaftliche Polarisierung, steigende Erwartungen an die Zivilgesellschaft und gleichzeitig begrenzte Ressourcen. Hinzu kommen Digitalisierung und Künstliche Intelligenz (KI), die viele Lebensbereiche verändern. Stiftungen müssen diese Entwicklungen nicht nur fördern und begleiten, sondern auch in der eigenen Arbeit reflektieren und nutzen. Dabei wird es immer wichtiger, Kooperationen einzugehen, Wissen zu teilen und Wirkung gemeinsam zu entfalten. Stiftungen haben etwas, das in dieser Zeit besonders wertvoll ist: die Freiheit, langfristig zu denken und neue Wege zu gehen, auch mal etwas auszuprobieren. Genau das wird gebraucht.
Sie haben Stiftungen in einem Interview mit der Goethe-Universität als „Agenten der Freiheit“ und „demokratische Anker“ beschrieben. Welche besondere Rolle können Stiftungen in Zeiten zunehmender gesellschaftlicher Spaltung und erstarkender populistischer Strömungen übernehmen, um demokratische Strukturen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken?
Stiftungen können Räume schaffen, in denen Menschen miteinander ins Gespräch kommen und unterschiedliche Perspektiven gehört werden. Gerade weil sie unabhängig von Wahlzyklen und kurzfristigen Interessen agieren, können sie Themen langfristig bearbeiten und Verständigung fördern. Demokratie lebt davon, dass Menschen Unterschiede aushalten und dennoch gemeinsam nach Lösungen suchen. Diese Fähigkeit wird heute wichtiger denn je. Stiftungen können dazu beitragen, indem sie Debatten ermöglichen, gesellschaftliche Innovationen fördern und Haltung zeigen – nicht parteipolitisch, aber klar auf dem Boden unserer demokratischen Werte.
Welche besonderen Aufgaben kommen in diesem Umfeld auf Stiftungen – insbesondere Kulturstiftungen – zu, damit Kulturorte auch künftig Orte von Teilhabe, Bildung und öffentlicher Debatte bleiben?
Kulturelle Einrichtungen sind weit mehr als Orte der Kunst. Sie sind Räume, in denen zweckfreie Erfahrungen gemacht und gesellschaftliche Fragen verhandelt werden können. Dabei geht es um Teilhabe ebenso wie um kulturelle Bildung und die Freiheit der Kunst. Gerade in einer Zeit zunehmender Polarisierung können Kulturorte dazu beitragen, Neugier auf andere Sichtweisen zu wecken und den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken. Dafür brauchen sie verlässliche Partner: Stiftungen, die langfristige Entwicklungen ermöglichen und niedrigschwellige Zugänge schaffen. In meiner Frankfurter Zeit haben wir mehrfach den sogenannten „Konfirmandentag“ mit dem Städel veranstaltet. Junge Menschen haben sich anhand von Bildern mit biblischen Geschichten und den großen Fragen des Lebens beschäftigt. Das waren oft berührende Begegnungen.
Wo sehen Sie in den kommenden Jahren die größten Chancen für gemeinsame Vorhaben von Stiftungen, Kulturinstitutionen und Hochschulen, um die digitale Transformation – einschließlich KI – so zu gestalten, dass sie Kultur und Gesellschaft stärkt, statt bestehende Spaltungen zu vertiefen?
Keine dieser Fragen lässt sich allein beantworten – und das ist vielleicht die wichtigste Einsicht. Hochschulen bringen Forschung und wissenschaftliche Expertise ein, Kulturinstitutionen schaffen Zugänge für die Öffentlichkeit, und Stiftungen können neue Ideen anstoßen und unterschiedliche Akteure zusammenführen. Es geht nicht nur darum, neue Technologien einzusetzen, sondern auch zu fragen, wie sie Freiheit, soziale Gerechtigkeit und kulturelle Vielfalt beeinflussen. Wissenschaft, Kultur und Stiftungen können hier gemeinsam Orientierung geben und dafür sorgen, dass technologische Innovation nicht spaltet, sondern verbindet.
Vielen Dank für das Interview!