Experimental Concert Research

Individuelles Konzerterleben im Test

Experimental Concert Research

An drei spätsommerlichen Abenden Mitte September präsentierte das Radialsystem V Berlin Streichquintette von Ludwig van Beethoven, Brett Dean und Johannes Brahms. Die Konzerte waren gleichzeitig ein Testlabor und eine Vorschau auf das Forschungsprojekt „Experimental Concert Research“, das sich mit dem individuellen Konzerterleben wissenschaftlich auseinandersetzt. So wurden die Besucher zu Testpersonen: Vor dem Konzert mit Sensoren ausgestattet, die verschiedene körperliche Signale als Indikatoren für emotionale Erregung messen. Während dem Konzert gefilmt, um Mimik und Bewegungsenergie auswerten zu können. Nach dem Konzert ausführlich befragt – sowohl die Menschen im Publikum als auch die Musiker. Seit drei Jahren wird in einem europäischen Projekt an der Entwicklung psychologischer und soziologischer Messinstrumente gearbeitet, die das ästhetische Erleben unter wechselnden Konzertbedingungen erforschen sollen. 2022 findet im Radialsystem V und im Pierre-Boulez-Saal eine mehrtägige Konzertreihe statt, in der die eigentlichen Untersuchungen stattfinden werden. Die Aventis Foundation fördert die Konzerte und damit den künstlerischen Teil dieses Projektes. 

An einer Reihe von Abenden werden dieselben Musiker dasselbe musikalische Programm aufführen, jedoch werden von Konzert zu Konzert formale und künstlerische Aspekte der Aufführung verändert. Dazu zählen u.a. Moderation, Lichtregie, Setting oder Veränderungen in der Musikdramaturgie bis hin zu komplexen Aufführungen, in denen die Musik durch Videokunst und andere assoziative Kontexte ergänzt wird. Durch den Vergleich der einzelnen Abende kann dann herausgefunden werden, welche Dimensionen des Konzerts welchen Einfluss auf das Musik-Erleben haben, aber auch welche Typen von Konzerthörern überhaupt existieren, was das Hören prädisponiert, welche Interaktion zwischen Musikern und Publikum stattfindet und vieles andere mehr. Diese Ergebnisse werden nicht nur für verschiedene Wissenschaftsdisziplinen von Interesse sein, sondern auch relevant für Orchester, Dirigenten, Intendanten von Konzerthäusern und Musikfestivals.

Die Zeppelin Universität Friedrichshafen, die bei diesem Projekt federführend ist, hat mit „The Digital Concert Experience“ ein weiterführendes Vorhaben angestoßen, das sich mit der Wirkung verschiedener digitaler Konzertformate auseinandersetzt. In den letzten Jahren haben mehrere Konzerthäuser und Festivals audiovisuelle Streaming-Angebote entwickelt, um dem klassischen Konzert neue Zielgruppen zu erschließen. In Zeiten der Corona-Pandemie wurden diese Ansätze zum einzigen Weg, wie Kulturinstitutionen ihr Publikum überhaupt noch erreichen können. Wie die Angebote wirken und welche tatsächlich zukunftsfähig sein könnten, ist jedoch nahezu unerforscht. So kann ein Abgleich zwischen der analogen Kulturform Konzert und ihrer digitalen Transformation entstehen. Auch hier fördert die Aventis Foundation den künstlerischen Teil des auf 1,5 Jahre angelegten Projektes.  

Die Aventis Foundation ist eine unabhängige, gemeinnützige Stiftung mit Sitz in Frankfurt am Main. Sie dient der Förderung von Kunst und Kultur sowie von Wissenschaft, Forschung und Lehre. Sie ist mit einem Stiftungskapital von 53 Mio. Euro ausgestattet.

 

Foto: Experimental Concert Research © Phil Dera