Kultur Berlin

Raumlabyrinth der Lebenslügen

Kultur Berlin

Zu Beginn der neuen Spielzeit des Berliner Ensembles hatte ein Stück im großen Haus Premiere, das die Doppelmoral einer Gesellschaft und die sich daraus ergebenden Lebenslügen drastisch in Szene setzte. Für „Gespenster“ von Henrik Ibsen hatte der Bühnenbildner Raimund Orfeo Voigt ein Raumlabyrinth geschaffen, aus dem es kein Entrinnen zu geben schien. Es gab keinen Blick nach draußen, so dass die Isolation im Innern und die Unüberschaubarkeit der Gesamtdynamik für den Einzelnen räumlich verdichtet wurde. Die Zuschauer spürten eine gespenstische Einsamkeit, die durch die Anpassung an die gesellschaftliche Doppelmoral heraufbeschworen wurde und in der sich die Lebenslügen der Protagonisten zu gefährlichen Gespenstern entwickelten. Sie erlebten, wie die oftmals gespenstisch erscheinende Wahrheit von tabuisierten Familiengeheimnissen und die Wiederholung von Traumata mit katastrophalen Folgen für die nachfolgende Generation verbunden sind – und das dies alles von zeitloser Relevanz ist. Inszeniert wurde diese dramatische Gefühlswelt durch die slowenische Theater- und Opern-Regisseurin Mateja Koleznik, die bereits vier Stücke von Ibsen zur Aufführung brachte. Sie gewann zahlreiche Preise und Auszeichnungen und führte am Berliner Ensemble zuletzt bei der ebenfalls von der Aventis Foundation geförderten deutschen Erstaufführung von Arne Lygres „Nichts von mir“ Regie.

Seit der Spielzeit 2017/18 unterstützt die Aventis Foundation in einem nachhaltigen Programm über drei Jahre die Ur- und Erstaufführungen am Berliner Ensemble. Damit wurde das Theater in die Lage versetzt, seine Tradition als Autorentheater im Sinne Bertolt Brechts wieder zu beleben und das Berliner Ensemble zu einem Theater für Gegenwartsdramatik zu machen. Die Stücke und Stoffe des Hauses sollten das Publikum direkt angehen, mit Problemen und Fragestellungen, die uns alle betreffen, und mit Figuren, die unserer Wirklichkeit nahe sind. Neben den Stücken der „klassischen Moderne“ konnten so vor allem Ur- und Erstaufführungen zeitgenössischer nationaler und internationaler Dramatiker aufgeführt werden. Außerdem konnte das Berliner Ensemble selbst Stoffe von gesellschaftlicher und politischer Relevanz dramatisieren und eng mit Autoren, Schriftstellern und Verlagen zusammenarbeiten.

Im April 2021 wird der „Der Ring der Nibelungen“ von Richard Wagner in einer Inszenierung von Ersan Mondtag im Großen Haus Premiere haben – ebenfalls von der Aventis Foundation gefördert. Bildgewaltig und mit einer ganz eigenen Ästhetik gelten Mondtags Inszenierungen als Gesamtkunstwerk, für die er Bühne, Regie und Kostüme stets selbst entwirft. Er wird Wagners Opernzyklus, der zu den umfangreichsten musikalischen Bühnenwerken überhaupt zählt, ohne dessen Komposition, allerdings nicht ohne Musik auf die Bühne bringen.

Die Aventis Foundation ist eine unabhängige, gemeinnützige Stiftung mit Sitz in Frankfurt am Main. Sie dient der Förderung von Kunst und Kultur sowie von Wissenschaft, Forschung und Lehre. Sie ist mit einem Stiftungskapital von 53 Mio. Euro ausgestattet. 

 

Foto: Berliner Ensemble, Gespenster © Matthias Horn