Hochschule für Musik und Darstellende Kunst

Der Zuschauer als Zeuge

Hochschule für Musik und Darstellende Kunst

Mitte Januar  hatte Kleists Drama „Die Familie Schroffenstein“ im Theaterkeller der Burg Bad Vilbel Premiere. Acht Studierende des dritten Ausbildungsjahrgangs an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt stellten sich gemeinsam mit ihrem Dozenten – dem Regisseur und Schauspieler Ulrich Cyran – einer besonderen Herausforderung. Die Aventis Foundation förderte diese Produktion und damit die Schauspielausbildung an der HfMDK.

Die Inszenierung verzichtete auf eine trennende Bühnenkonstellation. Die Zuschauer nahmen an einer langen Tafel unter den Schauspielern Platz und erlebten das Geschehen hautnah mit, das sich auf und unter dem Tisch und im gesamten Gewölbe abspielte. Sie waren das Volk, die Zeugen und eben Zuschauer inmitten der Täter und Opfer. Für die jungen Schauspieler stellte diese Raumkonstellation eine besondere Schwierigkeit dar. Mussten sie doch in unmittelbarer Nähe der Zuschauer die hohe Sprachkunst des jungen Kleist in eine lebensnahe, körperlich starke und dennoch formale Spielsituation umsetzen. Dabei wurde das Kellergewölbe als Spielort zum Psychotop der Figuren: Schutzlos ausgeliefert in der erstarrten Familienordnung, die sich symbolisch in der Tischordnung widerspiegelte, kämpften alle um ihr Recht. Es war der Kampf zwischen Generationen, zwischen alten und neuen Lebensmodellen, die die jungen Schauspieler mit ihren Charakteren glaubhaft vermittelten. 

Es war aber auch das Thema ihrer Zeit. Denn das erste Drama des jungen Heinrich von Kleist ist über zweihundert Jahre alt und doch so aktuell wie nie. Es handelt von den Erbstreitigkeiten zweier Familien, in deren Verlauf Recht zu Rache, Vertrauen zu Misstrauen und Wahrheit zum Gerücht wird. Eine Treibjagd zwischen den beiden Familien beginnt, die die Kinder nicht aufhalten können. Jenseits der erstarrten familiären Ordnung suchen sie in der Liebe ihre Identität, werden aber von den Vätern schließlich im Wahn getötet. In der dichten Atmosphäre des alten Gemäuers, unterstützt von einem eigens komponierten Soundtrack, gelang es den jungen Schauspielern, all diese Dramatik spürbar werden zu lassen.

Die Aventis Foundation ist eine unabhängige, gemeinnützige Stiftung mit Sitz in Frankfurt am Main. Sie dient der Förderung von Kunst und Kultur sowie von Wissenschaft, Forschung und Lehre. Sie wurde 1996 als Hoechst Foundation gegründet und ist mit einem Stiftungskapital von 50 Mio. Euro ausgestattet. Im Jahr 2000 wurde die Stiftung in Aventis Foundation umbenannt. 

Foto: Die Familie Schroffenstein, Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Kooperation mit den Burgfestspiele Bad Vilbel © Eugen Sommer